08.04.: Vom Hahnenkönig und Wunschelefanten

 

Erste Eindrücke von Phitsanulok

Phitsanulok findet im Reiseführer nur als Ausgangspunkt für Weiterreisen in die Tempelstadt Sukothai oder in die nahe gelegenen Nationalparks Erwähnung. Nach unserem ersten Eindruck war dem nicht viel hinzuzufügen, außer: an jeder Straßenecke findet man Hahnenstatuen in jeglicher Größe. Und die Einwohner lieben es bunt – schon der Bahnhof war mit kleinen, gartenzwergähnlichen Gipsfiguren dekoriert und ähnlich skurrile Figürchen gibt es überall in der Stadt. Auch was die Hemdfarben der Bewohner angeht, geht es hier sogar farbenfroher zu als in Bangkok: quietschblaue, -grüne und –orangefarbene Hemden mit Frangipani-Blüten bedruckt hängen an allen Straßenständen; für die Frauen sind Obstsorten der Schrei der Saison und dementsprechend auf allen Blusen und Kleidern zu finden.

Nachdem sich uns die Stadt somit nicht so leicht erschlossen hatte, war ich sehr glücklich, als Jonas am ersten Abend überraschenderweise Antwort von einer Couchsurferin bekam, die uns gern treffen wollte. Wir verabredeten uns für den nächsten Morgen und bekamen einen privaten, informativen und obendrein amüsanten Einblick in die Eigenarten der Stadt und vor allem in einige religiöse Praktiken in einem thailändischen Tempel.

Bunte Hemden

Phitsanulok-Hemden.JPG

Zunächst konnten wir das Rätsel um die extravaganten Hemden lösen. Die Farbenfrohheit ist nicht etwa regional bedingt, sondern zeigt nur, dass bald das Wasserfest kommt. Mit den leuchtenden Farben stimmen die Leute sich auf den Sommer und die Feiertage ein, weshalb diese Blumenhemden wirklich überall zu finden sind. Deshalb sahen wir auch so viele verschiedene Leute, die sie schon trugen, wie z.B. einige Kellner und selbst offizelle Leute, wie z.B. ein Polizist, der im quietschgrünen Blumenhemd nicht ganz so seriös aussah. Auf unsere Frage, ob dann die Ananas- und Melonenkleider das weibliche Gegenstück dazu seien, antwortete unsere Couchsurferin Mai: Nein, das sei einfach gerade die Sommermode. Wobei „Sommer“ etwas seltsam anmutet, wird es doch auch im Dezember nicht kälter als 20°C werden. Aber nunja, die Modebranche muss ja das ganze Jahr über verkaufen.

Der Hahnenkönig

Phitsanulok-Hähne

Und warum stehen an jedem Tempel Hahnenstatuen? Darüber hatten wir uns schon die wildesten Theorien ausgedacht. Was tut man nicht alles, wenn man den ganzen Tag in der Sonne schmort, ohne jemanden zu kennen, den man solche komischen Dinge fragen kann. Zum Glück kam Mai des Wegs und erzählte uns, dass der Hahn das Symbol für einen alten thailändischen König ist, der aus Phitsanulok kam. Dieser sei besonders kriegerisch gewesen und hatte Thailand u.a. gegen Burma verteidigt. Seine größte Leidenschaft neben dem Kriegführen sei der Hahnenkampf gewesen. Und deshalb stellen die Thais noch heute Hahnenstatuen auf, um an ihren erfolgreichen König zu erinnern und wahrscheinlich auch, wenn sie um Kraft und Stärke beten.

Phitsanulok-Hahnenkönig
Der kriegerische König

Blut in Fett zum Frühstück

Der Morgen, den wir mit Mai und ihrer Freundin Pear verbrachten, war jedenfalls richtig gut. Die beiden holten uns mit dem Auto ab, wir stiegen ein und bekamen sofort einen eisgekühlten Matchatee in die Hand gedrückt. Dann fuhren wir zu einem kleinen Frühstückslokal und bekamen thailändische Frühlingssuppe serviert: fettiges, gepresstes Scheinefleisch in Brühe mit etwas Zwiebeln und einem großen Quader geronnenen Blutes. Letzteres ließ ich unauffällig auf dem Teller; einmal in Vietnam probieren hatte mir gereicht. Einmal gestärkt, fuhren wir zu dem bedeutendsten Tempel der Stadt. Das hatten Jonas und ich uns für den letzten Tag in Phitsanulok aufgehoben. Und mit einer einheimischen Begleitung wurde es einer der interessantesten Tempelbesuche, die ich je hatte. Mai und Pear waren ein super Team: Mai kennt sich gut in Geschichte und Religion aus, dafür spricht Pear richtig gut Englisch.

Buddha waschen

Der Tempelbesuch begann mit einem besonderen Ritual. Bald ist ja Wasserfest und das thailändische neue Jahr beginnt. Alles Alte wird weggewaschen, alles wird neu und frisch. Zu diesem Anlass waren im Tempel einige goldene Buddhastatuen auf Plastiklotusblüten aufgestellt. Jeder bekam eine silberne Schüssel voller Wasser und konnte damit die Figuren abspülen. Auch wir gossen dem Buddha kühlendes Wasser über die Schultern und ich hätte schwören können, es zischen zu hören, so heiß war es draußen. Wenn er sprechen könnte, hätte er sich bestimmt auch für diese Abkühlung bedankt. Mai nahm es mit dem Abkühlen etwas zu genau und spritzte ihr restliches Wasser dem kleinen Mönchsjungen, der vor ihr an der Buddhastatue stand, auf den Rücken. Der Arme wusste erst nicht, wie ihm geschah, und als er merkte, dass sie einen Witz machen wollte, lief er eilig davon. Unglücklicherweise hatte ein anderer Besucher dieses Spektakel beobachtet und dachte wohl, es sei eine Wohltat für die Mönche, sich von Tempelbesuchern bespritzen zu lassen – also goss auch er dem kleinen Mönch etwas auf die Schulter, sodass dieser noch schneller und sichtlich verschreckt davon lief.

Stäbchenhoroskop

Im Inneren der Pagode führte Mai uns in das Zukunftsschütteln ein. Dazu gibt es eine Holzbox, in der verschiedene Stäbchen stecken. Jedes Stäbchen ist mit einer Zahl gekennzeichnet. Wenn man einen Wunsch hat oder wissen will, was in Zukunft passiert, schüttelt man so lang kräftig an der Box, bis eines der Stäbchen herausfällt. Die auf ihm notierte Zahl verweist auf einen Wunsch. Man geht also zu einer Art Pinnwand und zieht sein Zahlenhoroskop heraus, was dann so tolle Sachen wie „Wenn du krank bist, wirst du gesund werden.“ u.v.m. erzählt. Jonas und ich haben beide übrigens richtig gute Horoskope geschüttelt – selbst Mai war neidisch darauf. Ihr eigenes hat ihr nicht so zugesagt und deshalb hat sie es ganz pragmatisch einfach in der Pagode gelassen. Vielleicht schüttelt sie im nächsten Monat ein besseres Schicksal.

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Die Box mit den Wunschstäbchen
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Pinnwand mit Wünschen

Elefantenentscheidungen

Für Ja-/Nein-Fragen sollte nicht das Stäbchenhoroskop, sondern ein Elefant zu Rate gezogen werden. Diese Elefanten stehen in einer Ecke der Pagode. Zuerst formuliert man seine Frage und denkt sich: Wenn es wahr ist, dass ich (z.B. die Prüfung bestehe), dann kann ich diesen Elefanten hochheben. Man probiert es. Um sicherzugehen, dass der Elefant auch die Wahrheit sagt, wiederholt man den Wunsch. Diesmal mit dem Zusatz: Wenn es wahr ist, dass (…), kann ich den Elefanten NICHT hochheben. Und siehe da, was auch immer an spiritueller Wahrheit oder psychologischer Finesse dahinter steckt, es hat funktioniert. Mit dem Ringfinger, muss man dazu sagen, was mich auf Grund der Größe der Messingstatue doch sehr verblüfft hat. Die Männer dürfen nur den kleinen Finger zum Heben des Elefanten benutzen. Als kleinen Zusatz hat die Tempelleitung auf dem Schild notiert: Bitte lassen Sie die Elefanten nach Benutzung im Tempel. Sie sind kein Souvenir. Klar, weit würde man mit so einem Elefanten nicht kommen, selbst wenn man ihn mit beiden Händen tragen würde.

Phitsanulok-Wunschelefant.JPG
Wunschelefanten

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