12. – 17.04.: Teil 1 – Couchsurfen in der Schule

von Jonas und Anne

Wir haben fast eine Woche bei Vera im Schulprojekt verbringen dürfen. Eine Woche ohne Internet, Dusche und Sitzklo, dafür voller Begegnungen, Gespräche und Einblicke in das Leben der Menschen in Mawlamyaine und im Mon-State.

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Vera unterrichtet am Rande von Mawlamyaine junge Erwachsene, die den Mon angehören, einer ethnischen Minderheit in Myanmar. Vier Monate lang bekommen 40 junge Männer und Frauen intensiven Englischunterricht, um danach wieder weiter zu studieren. Während dieser Zeit leben Lehrer und Schüler zusammen in einer kleinen Schule. Genau da waren auch wir. Allerdings waren während unseres Aufenthaltes leider alle ausgeflogen, da gerade das Thingyan Festival begonnen hat. Das Wasserfest, das Spektakel des Jahres. Wir hatten also einen ganz ruhigen ersten Abend und den Schlafsaal der Frauen, die Küche, das eine Klo und sämtliche Waschschüsseln für uns zu dritt. Erst später trudelten nach und nach die anderen Lehrer und einige der Studenten ein und wir saßen fast jeden Abend mit irgendwem bei ein paar Bier oder Palmwein zusammen, machten ein bisschen Musik, redeten über dies und jenes und konnten sogar einmal einen kleinen Balfolk-Workshop machen. Auch wenn zu dem nur vier Leute da waren, war es trotzdem schön, zu sehen, wie Musik berühren und verbinden kann, und das über die Grenzen hinweg.

Das Leben in der Schule war auch eine Erfahrung für sich.

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Den heißesten und trockensten Monat des Jahres ohne Klimaanlage zu überstehen, muss man erstmal hinbekommen. Nachts ist es auf ca 28°C abgekühlt. Der Ventilator musste auf Hochtouren laufen, weil unsere Körper nicht mit der dauerhaften Hitze umgehen konnten. Aber selbst das brachte kaum die erwartete Erfrischung. Am besten geht man morgens, so früh es geht, auf den Markt, packt sich danach auf den kühlen Fußboden und verbringt den Tag dösend auf der Reisstrohmatte. Ab 17 Uhr wird es allmählich wieder erträglich und die Sonne taucht alles in ein wunderschönes Spätnachmittagslicht: die beste Zeit, um rauszugehen.
In diesem Fall war es mit entspannten Spaziergängen an der Uferpromenade nicht weit her, weil das Wasserfest uns in unserem Radius ziemlich einschränkte. Ab 18.30 konnte man theoretisch auf die Straße, aber da war die Sonne halt schon weg und die Menschen wenig später schon im Bett.

 

Man hat das riesige Bedürfnis, sich mehrmals am Tag zu duschen. Eine Dusche in dem Sinne gab es aber leider nicht, sondern nur ein paar Schüsseln, mit denen man sich selbst beschütten konnte. Das Wasser dafür kam aus einem Brunnen, wurde in einem Becken gesammelt und von dort eimerweise abgezapft. „Dusche“ und „Waschsalon“ ist übrigens der gleiche Ort.
Da das Wasser stehend mehrere Stunden oder Tage der Sonne ausgesetzt war und nicht, wie gewohnt, mehrmals am Tag nachgefüllt wurde (weil gerade nicht genügend Menschen in der Schule wohnten), hatten wir am letzten Tag etwas mit Algen zu kämpfen. Also haben wir uns einfach weniger geduscht.

 

Wenn man eine zeitlang auf und mit einem Hockklo verbringen muss, stellt man mal wieder fest, wie schön doch ein Sitzklo mit Wasserspülung und Toilettenpapier ist.

Die Küche ist … nunja, ums genau zu nehmen gibt es einen Gaskocher, ca. 10 Löffel, 2 Tassen, 5 Teller und 2 Messer.
Es gibt einen Kühlschrank, der leider nicht funktioniert. Es wird alles frisch vom Markt geholt oder direkt von den Garküchen auf der Straße.
Außerdem gab es, je nach Gericht, 2-4 Ameisenautobahnen quer durch die Küche, die sich auch gleichzeitig um die sterblichen Überreste des nächtlichen Katzenfangs (Gecko) gekümmert haben.

Der ca 50m² große Schlafsaal der Frauen bestand aus 2 Räumen, in denen jeweils 10 Menschen schlafen. Alle schlafen nebeneinander. Es gibt keinen Ventilator oder Klimaanlage. Es gibt keine Betten, sondern Reisstrohmatten. Keine Schränke sondern ca. 100l-Plastikboxen. Es gibt keine Schreibtische, keine öffentlichen PCs. Jeder hat sein Smartphone oder Tablet. Vera hatte, als große Besonderheit, ein eigenes Zimmer, in dem wir schlafen durften.

Die 2 Klassenräume sind ohne Fenster und Türen. Sie haben eben keine Wände. Man lernt somit open air unter einem Dach aus Palmenblättern. Das Gerüst besteht aus Bambusstangen und ein Blätterdach ist mit Pflanzenfasern festgezurrt. Durch die offene Gestaltung kommt ab und zu ein angenehmer Luftzug vorbei. Diese traditionelle Bauweise und Unterbringung der Studenten und Lehrer gepaart mit der modernen Idee des Englischunterrichtens ergibt einen bizarren Kontrast. Der Koordinator hat es außerdem erreicht, ein Whiteboard, eine Pinnwand und sogar Beamer und Lautsprecher zu organisieren, was für die sonst recht einfachen Verhältnisse einem echten Luxus gleich kommt.

Bei all den beschriebenen Sachen und Orten muss man beachten, dass das alles für 20 Frauen und 20 Männer + 4 Lehrer ist. Für uns bis dato unvorstellbar, dass sowas überhaupt als Schulform existieren kann.

Dadurch, dass jeden Abend jemand vorbeigekommen ist und wir uns viel austauschen konnten, haben wir viele tolle Eindrücke mitgenommen und konnten ein bisschen unsere Sprachkenntnisse aufbessern. Abends Palmwein/Sykbeer und selbstgemachter morning-glory-Salat schmecken übrigens richtig super. Wir haben uns auch musikalisch ausgetauscht, indem wir Tänze gezeigt haben und sie uns versucht haben, ein Lied beizubringen.

Die Hilfsbereitschaft der Studierenden und Lehrern scheint grenzenlos. Neben den abendlichen Gesprächen und alkoholischen Verköstigungen boten sie uns unter anderem eine Spritztour zum Setse Beach an, die wir leider ausschlagen mussten. Am letzten Tag, als wir weiterreisen wollten, ist eine ganze Wagenladung frühstückshungriger Menschen mit uns einen Umweg zum Busbahnhof gefahren und alle (besonders Mr. Chocolate [er war besonders stolz auf seinen Teint]) haben sich für uns ins Zeug gelegt, dass wir noch den letzten Sitzplatz im Bus nach Pyin Oo Lwin ergattern konnten (alles war wegen des Wasserfestes gnadenlos ausgebucht).
Alles das, was wir hier erleben durften, hätte uns kein Guide in ganz Myanmar zeigen können. Schön.

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