20.04.: Verdauungsmissverständnis

Wir gehen ins Restaurant unter dem Hotel. Eigentlich haben wir keinen Hunger, weil uns das fettige Essen der letzten Tage sehr zusetzt. Aber irgendetwas essen müssen wir ja. Deshalb wollen wir uns eigentlich nur eine Kanne heißes Wasser mit aufs Zimmer nehmen und uns dort die paar Scheiben Toast reinzwängen, die zum Frühstück (neben fettigem Spiegelei) angeboten werden.

Um unsere Absicht klarer auszudrücken, habe ich extra zwei Teebeutel mit nach unten genommen. Ich zeige auf die Kanne, zeige auf die Beutel und sage: „Could you give us some hot water, please?“ Um den Grund für unser Anliegen zu illustrieren, streichen Jonas und ich uns synchron über unsere aufgeblähten Bäuche. Der Kellner nickt verständnisvoll und verschwindet diskret in der Küche. Weil er nicht sofort wieder kommt, setzen wir uns doch einen Moment hin, um auf das Wasser zu warten. Dabei entdecken wir ein Bund matschige Bananen, die im Kühlschrank neben einer leicht eingetrockneten, aufgeschnittenen Wassermelone schlummern. Aber Bananen werden ja zum Glück nicht so schnell schlecht und immerhin ist es Obst – genau das, was uns seit zwei Wochen fehlt. Während man sich in Thailand vor Smoothies und Juices kaum retten kann und sich ausschließlich von Obsttellern oder sticky rice mit Mango ernähren könnte, kommt man in Myanmar sehr schwer an Obst. Es gibt zwar einiges auf dem Markt, aber meist haben wir dann weder saubere Hände noch ein Messer dabei, und in kaum einem Café oder Restaurant haben wir bis jetzt Obstsäfte o.ä. gefunden. Der Heißhunger darauf wächst also sehr und diese Bananen sehen, egal wie braun sie sind, gerade sehr verheißungsvoll aus.

Als hätte der Kellner unseren Wunsch erraten, huscht er aus der Küche, geht zum Kühlschrank, greift sich vier der Matschbananen und zwei schrumpelige Mandarinen und verschwindet wieder. „Vielleicht bereitet er uns jetzt ein spezielles Durchfallmenü zu“, überlegen wir und sind ihm für sein Verständnis sehr dankbar. „Darauf sind die doch bestimmt eingestellt, wenn selbst die Einheimischen hier so oft Durchfall bekommen, wie wir einen Schnupfen.“ (Das hatte uns Vera erzählt. Verdauungsprobleme gehören hier zum Alltag dazu; niemand scheint sich Sorgen zu machen, wenn er mal drei Tage auf dem Klo hockt, weil es einfach ständig und jedem passiert.)

Kurz darauf kommt der Kellner mit einem Teller Bananen und Mandarinen zurück. Wir lächeln ihm dankbar zu. Dann bringt er zwei Tassen heißes Wasser. Perfekt. Dass Kaffeepulver daneben liegt, beachten wir nicht und machen uns einen schönen Earl Grey-Tee. Dann kommt der Kellner wieder und bringt für jeden von uns das normale Frühstücksmenü, das wir auch gestern bekommen haben, für jeden zwei Scheiben Toast mit Butter und Marmelade und dazu ein fettiges Spiegelei. „Wohl doch kein Durchfallmenü“, denken wir uns. Der Teller Papaya, der als nächstes serviert wird, bestätigt uns darin, dass hier wohl etwas schief läuft. Und als der Kellner kurz darauf noch einmal zu uns kommt und uns frittierte Gemüsebällchen serviert, wird uns klar, dass es sich wohl um ein Missverständnis handeln muss: Unsere „Wir haben Bauchschmerzen und wollen nur Tee und Toast“- Geste wurde wohl als „Wir haben riesigen Hunger und wollen ein extra Menü haben“ missverstanden. Als er uns wenig später noch einmal Toast mit Mamelade nachreicht und wir es in der Küche verdächtig brutzeln hören, schreiten wir eind und geben ihm – diesmal unmissverständlich – zu verstehen, dass es genug ist. Wir trinken unseren Tee aus und verziehen uns heimlich mit den Bananen auf unser Zimmer.

 

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