02.06.: Von Wind und Wetter – und Glühwürmchen

The French Hill Station

Vollgetankt mit Energie von der Insel, haben wir uns direkt für den nächsten Morgen um 7.30 eine Tagestour organisiert. Das Ziel: der Bokor-Nationalpark und dort vor allem die French Hill Station. Um dem heißen Klima zu entkommen, errichteten die Franzosen damals auf mehr als 1000m Höhe eine Bergstation. Neben einer Polizeistation, einer Post, einer katholischen Kirche und einer Schule gab es dort zu Hochzeiten der Besatzung sogar ein Hotel und ein Casino. Nach dem Rückzug der Franzosen wurde die Hill Station verlassen und verfiel zunehmend. Was heute davon übrig ist, gleicht eher einer Geisterstadt: moosbewachsene, graue Steinmauern, Gebäude ohne Dach und Fenster. Das, was in den 70’ern noch an Material übrig war, wurde von den Khmer Rouge abgetragen und andersweitig benutzt bzw. verschanzten sie sich auch selbst in den Gebäuden, weil der Berg strategisch gut gelegen ist und die Sicht bis weit Richtung Vietnam ermöglichte.


The King’s Black Palace

Doch nicht nur die ehemaligen französischen Gebäude stehen verfallen in der Landschaft, sondern auch ein ehemaliger Palast von König Norodom Sihanouk trotzt noch Wind und Wetter. Auch er wurde von den Khmer Rouge geplündert: die Teakholzverkleidungen, Fliesen und sämtliches Material, was irgendwie verwertbar war, wurde geplündert und übrig blieb ein Betongerippe, von dessen verfallenen Balkonen man sich noch etwas von der Pracht der damaligen Zeit ausmalen kann. Auch wenn inzwischen selbst der damals wohl atemberaubende Blick auf Kampots Küste nur noch zu erahnen ist, denn, wie unser Guide sagte: „Great view. But today maybe no view. Too many trees. And too many clouds.“ Und Recht hatte er. Innerhalb weniger Minuten war der vorher noch strahlend blaue Himmel dahin, vollständig verdeckt von grauen, regenschweren Wolken, die mit ungeheurer Geschwindigkeit den Berg hinaufzogen. Dieses Wetter hielt bis zum Ende der Tour an, aber irgendwie passte es sehr gut zu der Atmosphäre auf dem gesamten Berg. Die Landschaft und auch diese halben Ruinen erinnerten sehr an Irland: sattes Grün und von Wind und Regen moosige Mauern.


Sunset Cruise

Da es am Nachmittag dann ordentlich regnete, wussten wir nicht, ob wir den letzten Teil unseres Ausflugs antreten konnten: eine Bootsfahrt, auf der man Glühwürmchen zu Gesicht bekommen sollte. Doch wir hatten Glück. Wir spazierten zum Fluss und wurden ohne Weiteres auf das Boot gelassen. Dieses war eine lustige Konstruktion aus zwei anderen Booten, über die eine Plattform genagelt worden war, auf der es eine Bar, eine kleine Küche und ein Sonnendeck gab. Oben hatte es sich schon eine große kambodschanische Familie bequem gemacht und unten tranken ein paar Westler ihr Feierabendbier. Ich entschied mich für das Sonnendeck und genoss den fantastischen Ausblick: palmengesäumte Uferstraßen mit Kolonialstilbauten, dahinter sattgrüne Wälder, hinter denen sich dunkelblau die Gipfel des Bokor-Nationalparks abhoben. So fuhren wir immer weiter den Fluss hinab, bis wir irgendwann vor Anker gingen und es offiziell Zeit zum Schwimmen war. Davon hatte uns jedoch niemand etwas erzählt, also hatten wir dementsprechend auch keine Badesachen dabei. Wahrscheinlich hätte ich aber auch sowieso keine Lust gehabt, mich in meinem Bikini den neugierigen Blicken und dem Gekicher der kambodschanischen Gruppe preiszugeben, also war ich ganz froh, an Deck bleiben zu können. Jonas und ein Amerikaner in den 50’ern mussten jedoch zeigen, was für tolle Sprünge sie drauf hatten und hüpften mit einem gekonnten Köpper vom unteren Deck (der Amerikaner) und einem spektakulären Köpper vom Oberdeck über die Bänke des Unterdecks (Jonas) in den Fluss. Als ich sah, wie stark die Strömung an den beiden riss, war ich zum zweiten Mal froh, nicht ins Wasser gegangen zu sein. Stattdessen konnte ich zusammen mit den anderen Passagieren nun die drei Männer (ein junger Kambodschaner ließ es sich nicht nehmen, die Ehre seines Lande zu verteidigen) bei ihrem Wettbewerb um den gewagtesten Sprung beobachten, was sehr amüsant war.


Firefly Tour

Als die Sonne begann, den Himmel in ein kräftiges Pink zu tauchen, von dem sich babyblau die Wolkentürme abhoben, setzten wir zur Rückfahrt an. Irgendwann tauchte ein USO (unbekanntes schwimmendes Objekt) auf dem Fluss auf: blinkende Lichter, laute Musik und an Bord eine Ladung Touristen. Als unser Boot sich dem USO näherte, erkannten wir, dass es das zweite Exemplar der Firma war. Wer Fireflies sehen wolle, müsse nun da rüber wechseln, wurde uns gesagt. Scheinbar hatten wir uns also auf das falsche Boot geschlichen. Netterweise durften wir einfach rüberhüpfen und bekamen dadurch kostenlos dieselbe Tour nochmal – nur dass es diesmal bereits dunkel war und wir uns zwei Stühle direkt neben den Kapitän stellten. Dort war es erstens lustiger als auf dem oberen Deck, weil der Kapitän uns versuchte, mit Zeichensprache Khmer-Vokabeln beizubringen. Und zweitens war es dort auch dunkler als auf dem Rest des Bootes. Wir hielten zusammen mit dem Kapitän nach den Fireflies Ausschau – und hatten Glück! Irgendwo in einem Busch blinkte etwas auf. Der Motor wurde abgestellt und die Musik auch (juhu, endlich Ruhe!). Als dann auch noch die Lichterketten ausgingen, war es der perfekte Augenblick: absolute Ruhe, absolute Dunkelheit, eine ganz warme, angenehme Luft um uns herum und am Ufer, irgendwo im Gebüsch, im Rhythmus blinkende, kleine Leuchtpunkte.
Wir ließen uns treiben und fanden noch einige weitere solcher Flecken, in denen es aufblinkte, als hätte jemand eine Weihnachtsbaumlichterkette in die Palmen gehängt. Irgendwann wurde es den Leuten leider zu langweilig: erst ging die eine Lichterkette wieder an (diesmal eine elektrische, nicht die der Fireflies), dann die andere, dann die Musik, und der Zauber verflog allmählich. Dafür wurden wir von einer kambodschanischen Familie auf dem oberen Deck dazu eingeladen, ein bisschen gegrilltes Seafood zu probieren. Und so kam der Abend zu einem perfekten Abschluss.

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2 Gedanken zu “02.06.: Von Wind und Wetter – und Glühwürmchen

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