10.07.: Von Gemüse und Geistern

Markt – Exotik

Der nächste Tag begann, wie der letzte geendet hatte: Wir schnappten uns ein Pedicab und fuhren mit April zum Markt, denn es war Sonntag, also market day. Genau genommen schnappten wir uns in weiser Voraussicht nicht ein Pedicab, sondern zwei, eines für April und mich und ein VIP-Pedicab für Jonas allein. So konnte er es sich in seiner kleinen Kabine bequem machen, falls man bei all dem Gebiege und Verdrehe noch von bequem sprechen kann.


Auf dem Markt wurde mir bewusst, wie anders wir aussehen. Seit Tagen schon waren wir die einzigen Weißen gewesen (mit Ausnahme von ganz wenigen alten Männern, die in den Philippinen das Glück – in Form einer Frau – suchen.) Aber hier in Tigbauan, dieser kleinen, verschlafenen Stadt am Rande von Iloilo, sahen alle gleich aus – bis auf uns. Wie das exotische Gemüse und die vielen Fische die Attraktion für uns wurden, so wurden wir es im Gegenzug für die Einheimischen. Kein Wunder, wenn man wie Jonas als einziger in der ganzen Markthalle um drei Köpfe herausragt. Ich genoss meine philippinische Durchschnittsgröße und schaute mit den Augen der Einheimischen halb erschrocken, halb ungläubig zu Jonas auf. Ganz schön riesig, dieser Mann. Und dann noch diese lange Nase… UND Haare im Gesicht!

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Viele Leute hier schienen noch nie einen Weißen gesehen zu haben und verhielten sich ganz anders, als wir es aus den Touri-Spots gewohnt sind. Fast niemand sprach uns an, niemand wollte uns etwas aufschwatzen. Im Gegenteil: die meisten schienen etwas verschüchtert und guckten schnell weg, wenn wir ihren Blick erwiderten. Manche fragten April leise, woher wir denn kämen. Worauf sie antwortete: „Frag sie doch selbst!“. Aber das trauten sie sich dann nicht.


April erledigte ihren Wocheneinkauf und wir hatten Zeit, uns an Obst, Gemüse und fremdartigen Süßigkeiten sattzusehen. Als wir dachten, dass wir schon alles gesehen hätten, entdeckten wir einen Esoterikstand. Hier gab es die wildesten Produkte. Die Verkäuferin war sehr geduldig und erklärte uns genau, wozu das alles gut sei. Hier eine kleine Auswahl aus dem Sortiment (bei Interesse bitte Bestellung an uns ;-):

  • Harzklumpen zum Verbrennen, um so etwas wie Weihrauch zu erzeugen und damit böse Geister zu vertreiben
  • diverse Moose, Beeren und Wurzeln, um Tinkturen und Aufgüsse zuzubereiten
  • eine Mischung aus den oben genannten Zutaten zur Abwehr von schlechter Energie (dazu wurden die Holzstückchen etc. mit Öl übergossen und in ihr eine Jesusfigur versenkt – logisch, was denn sonst?)
  • Glücksamulette aus Naturmaterialien, um kleinen Kindern Energie zu geben
  • Zwirnfäden in verschiedenen Farben, um schlechte Geister von Babys und Kleinkindern fernzuhalten


Markt-Esoterik

Angeregt vom Esoterikstand erzählte uns April die verrücktesten Geschichten. Alles mit dem Vorwort, dass sie selbst gar nicht an Geister und dergleichen glaube, aber manchmal, nunja, manchmal passierten eben doch so komische Dinge…

Als ihre Schwester schwanger war, bemerkten April und sie so eine seltsame Energie im Haus. Glasklare Sache: Irgendjemand wollte dem ungeborenen Kind schaden. Was tun? „Ingwer! Ingwer und Knoblauch!“ Die legt man vor alle Fenster und Türen und hält so das Schlechte fern. Das sei übrigens auch der Grund, warum die Gemüseverkäuferinnen den Ingwer niemals per Hand an die Kunden geben. Sie packen ihn auf den Tisch und man muss ihn selbst aufheben. Denn Ingwer überträgt die Energie desjenigen, der ihn berührt. Falls also ein Kunde böse sein sollte, würde er seine schlechte Energie allein durch das gleichzeitige Anfassen des Ingwers an die Verkäuferin abgeben. „Ach was, das habe ich ja noch nie gehört. Machst du das auch immer so?“ – „Ja, klar!“ Das Baby kam jedenfalls gesund auf die Welt, dem Ingwer sei dank.

„Und wer sind diese bösen Leute?“, wollte ich von April wissen. Irgendwie klingt das ja wie im Märchen. Und das ist es auch, sagte sie. Denn diese Leute seien Menschen mit schwarzer Energie, so ähnlich wie Hexen oder Zauberer. Sie brauchen die reine Energie von Babys, um sich selbst zu stärken. „Aber wie wollen sie denn die Energie von dem Baby bekommen? Das verstehe ich nicht.“ Aprils Antwort klang tatsächlich so wie in einem Gruselmärchen: Sie glaubt (obwohl sie eigentlich überhaupt nicht an Zauberei und so etwas glaubt, aber eben manchmal halt doch so ein bisschen…), dass die Hexe oder dergleichen aus dem Nabel der Mutter alle Flüssigkeit heraussaugt, so lange, bis das Kind stirbt. Und deshalb müsse man die ungeborenen Babys schützen. Durch Knoblauch, Ingwer oder irgendeine Tinktur, die es an diesem Esoterikstand bestimmt auch zu kaufen gibt.
Doch auch Kleinkinder und kranke Leute seien anfällig für schwarze Mächte. Dafür gibt es dann die Zwirnsfäden, die man sich bzw. ihnen ums Handgelenk bindet und die sie gegen böse Geister schützen. Interessanterweise deckt sich das mit einem Glauben, von dem ich in Kambodscha gehört habe. Dort bindet man einer Person ein weißes Band ums Handgelenk, wenn die Gefahr besteht, dass die Geister ihre Seele holen wollen (siehe: Die Tränen meines Herzens, Sokreaksa Himm).

„Achja, übrigens kann man die bösen Leute auch erkennen.“, erzählte April weiter. Das wird ja immer spannender hier. „Was, wie denn?“, wollte ich unbedingt wissen. „Aaaaalso. Wenn jemand böse ist, strahlt er irgendeine Energie, eine Hitze aus. Manche Leute tragen eine Ölflasche bei sich, und wenn diese warm wird, dann weiß man, dass…“

Also eigentlich ginge das ja gar nicht, aber einmal sei ihr das doch passiert. Da ist sie im Bus gefahren und auf einmal hat sich der Mann neben ihr so unruhig hin und her gedreht. Er hat sich immer wieder im Bus umgesehen. April hat ihn gefragt, was los sei. Und er verwies auf eine kleine Ölflasche in seiner Hosentasche, in der es  blubberte. Wenn man Öl zum Kochen bringt, dann muss schon sehr viel schlechte Energie im Spiel sein. Nur was tut man, wenn man weiß, dass irgendeiner dieser dicht auf einander gedrängten Passagiere böse ist? Darauf wusste April auch keine Antwort. Außer Knoblauch vielleicht. Und von dem gibt es hier ja zum Glück auch reichlich zu essen.

 

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