14.07.-15.07.: Nochmal Student sein

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Angelyn in Kalibu ist unsere sechste Couchsurfing-Gastgeberin auf den Philippinen. Wir haben uns vor ihrem College verabredet. Kaputt kommen wir am Nachmittag zum Treffpunkt. Heutige Reiseroute: fast drei Stunden im Boot, eine halbe Stunde im Tricycle, drei wacklige Stunden in einem Bus, zwei waghalsige Stunden in einem Minivan und nochmal diverse Tricyclefahrten. Das ist der Moment, in dem man sich eigentlich nur in ein kühles Zimmer mit Klimaanlage wünscht. Ankommen, einchecken, Zimmer runterkühlen, duschen und ab ins Bett. Nicht gerade der perfekte Tag zum Couchsurfen, denn Abenteuer und neue Eindrücke hatten wir heute schon genug. Aber das kann man halt nie vorher wissen. Also: Letzte Energie zusammennehmen und rein ins Couchsurfabenteuer.

 

Angelyn sitzt sie mit ihren Kommilitonen im Café. Alle sind aufgeregt, uns zu treffen und trauen sich kaum mehr als einmal kurz hallo zu sagen. Sie lachen laut und aufgekratzt und ich komme mir vor wie in einer Horde Teenager. Bald fahren wir zum Glück los, in Richtung unseres Zuhauses für diese eine Nacht. Endlich duschen und zur Ruhe kommen.
Aber nix da: Als wir in Angelyns Haus ankommen, erwarten uns dort nicht nur die zwei aufgedrehten Hundewelpen, sondern auch die zehn Kommilitonen, die vorher im Café abgehangen hatten. Jetzt hängen sie hier ab, verteilt auf Wohnzimmer und Vorraum. Der Fernseher läuft, ohne dass jemand hinsieht. Alle schalten die Köpfe ab und die Technik an. Jeder hängt in irgendeiner Ecke über seinem Smartphone. Unterhalten tut sich niemand, dafür ist die Geräuschkulisse auch zu groß. Nach einer Weile gewöhne ich mich daran, dass niemand versucht, sich krampfhaft mit uns zu unterhalten. Irgendwie ist es auch schön, einfach dabei zu sein und nicht als Ausstellungsobjekt betrachtet zu werden. Die Jungs und Mädels machen das, was sie jeden Nachmittag tun – einfach nur chillen. Angelyn ist mit 28 die Älteste der Gruppe und die einzige mit eigenem Haus – und Wifi. Letzteres ist einer der Gründe, warum sich alle nach dem Unterricht bei ihr treffen. Auch wenn sie das halb als Witz sagen – aber  der Szenerie nach zu urteilen, steckt sehr viel Wahrheit dahinter.

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Dann wird beschlossen, zu trinken. Runde für Runde wandert ein Glas Ananassaft mit Gin von Hand zu Mund zu Hand zu Mund, wird aufgefüllt, geleert, aufgefüllt, geleert. Mit jeder Runde werden die Leute gesprächiger, trauen sich, Englisch zu reden, uns Fragen zu stellen und uns von ihrem Leben zu erzählen. Da ist die 20-Jährige, die ein fünfjähriges Kind zu Hause hat, weil sie mit 15 von einem zugedröhnten Mann geschwängert wurde. Als sie und ihre Eltern bemerkten, dass sie schwanger war, war es zu spät für eine Abtreibung – und Abtreibungen sind wegen des großen Einflusses der katholischen Kirche ohnehin verboten. Von da an wurde sie vor den Nachbarn versteckt gehalten, ging nicht mehr zur Schule und durfte das Haus nur für die Arztbesuche verlassen. Zu groß wäre den Eltern die Schande gewesen, denn sie sind wohl irgendwelche einflussreichen Leute in der Gegend.

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Dann ist da unsere Gastgeberin, fünftes von sechs Kindern, die sich mit dem Verkauf von Lippenstift irgendwie nicht nur das Haus, sondern auch absolut westliche Klamotten und haufenweise Schuhe leisten kann. Von ihrem französischen Verlobten nimmt sie angeblich nichts an, weil es ihr wichtig ist, unabhängig zu sein. Angeblich hat sie auch noch nie die Uni geschwänzt. Um ihre jüngeren Kommilitonen zu erziehen, hat sie Strafen für Schwänzen eingeführt, wie z.B. eine Schachtel Zigaretten an jeden der Freunde. Sie liebt Mode und lässt sich laufend fotografieren. Irgendwann verschwindet sie, um im Wohnzimmer einen ihrer Kumpels beim Catwalklaufen zu unterrichten. Der schmeißt sich in ihre Röcke und stelzt auf ihren Highheels über den Betonfußboden. Seltsame Runde, in der wir da gelandet sind, aber je länger der Abend, desto verbindender der Gin und desto mehr werden wir eins mit den Leuten und ihren Geschichten.

Als die Mückenarmee ausrückt, gehen wir schlafen. Immer wieder werden wir vom Reden und Lachen der letzten Verbliebenen geweckt; inzwischen muss es weit nach 2 Uhr morgens sein. Ich höre notgedrungen den Gesprächsfetzen zu, kann aber nicht mehr einschlafen. Wenn sie das jeden Tag machen, frage ich mich, wie viele Schachteln Zigaretten schon getauscht wurden.

Am Morgen krächzt, gackert und kikerikit es aus allen Richtungen. So, als hätten wir mitten im Hühnerstall geschlafen. Als wir in den Tag starten, kriechen nach und nach Angelnys Freunde aus ihren Nachtlagern. Jegliche Verbindung ist mit dem ausgetrunkenen Gin verschwunden; nicht mal ein guten Morgen ist drin, weil sie so fertig sind. Irgendwann hören wir es aus Angelyns Zimmer husten – aha, so viel zu ihrem festen Willen, nie zu schwänzen. Mit verquollenen Augen betont sie, dass es wirklich das erste Mal ist, dass sie nicht zur Uni geht. Egal, für uns ist es höchste Zeit, aufzubrechen. Raus aus der Bude, rein in den Tag und ab nach Caticlan.

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