10.07.: Kuss mit dem Leopardenfisch

20160712_103143.jpg

Estancia, eine kleine Fischerstadt im Nordosten der Insel Panay. Von hier hüpft man mit kleinen Outriggerbooten auf die Islas Gigantes. Unser Boot fährt erst in drei Stunden – genug Zeit, um in die Szenerie am Hafen einzutauchen.

Es riecht nach Fisch, viiiel Fisch. Bergeweise wird er auf den Boden gekippt, kiloweise wird Eis rangekarrt, in Isolierkisten gepackt und der Fisch eiskalt verfrachtet. Wir stapfen durch stinkiges Wasser und Fischblut. Marktgeschrei, der beste Fang des Tages wird angepriesen: nicht etwa ein besonders großer Thunfisch, nein, es wird exotischer: drei Riesenrochen liegen zerschrammt am Boden, daneben kleine Haie.

 

Um Artenschutz kümmert sich hier bestimmt niemand. Dazwischen schillern kleinere Fische in Silber mit gelbem und blauem Schimmer in Metallschalen.

DSC05070.JPG

Ein paar werden uns angeboten, aber mich interessieren sie nur als Fotomotiv. Das weckt die Neugier der Einheimischen. Ein Mann posiert mit einem äußerst feschen Fisch im Leopardenlook. Seine Kumpels halten ihm noch zwei, drei andere Fische neben das Gesicht, um das Bild zu perfektionieren. Der Leopardenfisch macht einen Kussmund. Sieht fast so aus, als hätte er Lippenstift aufgetragen. Perfekt, das war ein schöner Schnappschuss.

DSC05084.JPG

DSC05086.JPG

Wir schieben uns zwischen Tricycles, Pedicabs und Lieferwagen am Kai entlang. Jonas spielt Gitarre und die Leute gucken überrascht. Vor einer kleinen Bretterbude bleiben wir stehen. Erstens geht der Weg hier nicht weiter und zweitens freuen sich die Leute, die hier auf ihr Boot warten, über die Musik. Der Mann, der am Thresen steht und Fischbällchen verkauft, winkt uns mit einer Hand voller unterschiedlich lackierter Fingernägel zu. Ein Ladyboy fängt an, laut zu singen. Die Melodie ist irgendeine und klingt ziemlich unharmonisch, aber er/sie sitzt ganz aufrecht da in einem bis zum Kragen zugeknöpften, schwarzen Spitzenhemd und singt voller Hingabe. Immer weiter, ein Lied nach dem nächsten, er/sie hört gar nicht mehr auf. Währenddessen schaukeln die wartenden Tanten mit den Beinen, fächern sich die heiße Luft um die Ohren und sehen ab und zu zu uns herüber. Manche freuen sich, dass wir uns freuen, manche schämen sich für den Ladyboy und denken wahrscheinlich, er würde sie gleich mit blamieren, weil er/sie so unverdrossen ein Lied nach dem anderen schmettert. Aber für die meisten ist es ganz normal. Sie schauen ihn/sie kaum an und hängen ihren Gedanken nach. Einem Mann auf dem wartenden Boot wird es zu bunt; er stört den Gesang, indem er immer wieder laut klatscht und johlt, aber der Sänger lässt sich davon nicht beeindrucken. Alle anderen lächeln – über den Sänger und über den Störenfried, und als sie sehen, dass wir auch lächeln, ist alles gut. Was für eine skurrile und doch normale und friedliche Atmosphäre.

Wir ziehen weiter. Es ist heiß und wir setzen uns auf die Holzbänke vor den Verkaufshöhlen (Stände kann man das nicht nennen). Jonas spielt Gitarre und singt und ich fange die Szenerie als Zeichnung ein. Schnell haben wir einen Fanclub um uns. Ca. zehn Männer hinter Jonas und ca. 10 Frauen hinter mir. Sie schaukeln mit und lachen, was das Zeug hält. Eine Verrückte kommt an unseren Tisch und drängt sich neben mich auf die Bank. Sie redet und grinst uns mit ihrem halb zahnlosen Mund an. Wir lächeln müde zurück. Eigentlich will ich zeichnen, aber sie versperrt mir die Sicht auf den Hafen. Dann wird es ihr zu langweilig; sie zieht weiter und wir auch. Unser kleines türkisfarbenes Boot wartet auf uns – und wir auf die Isla Gigantes, von der wir so viel gehört haben.

20160712_113709.jpg

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s