11.-15.6.: Von Legenden, Artisten und Bambuszügen

Die Stadt des verschwundenen Stocks

Unsere nächste Station war Battambang (bat = verschwinden, dambang = Stock).

Einer Legende nach lebte hier ein Kuhhirte, der einen Zauberstab aus Rosenholz besaß. Mit Hilfe dieses Stabes gelang es ihm, den König zu vertreiben und selbst König zu werden. Eines nachts träumte er, dass der zukünftige Prinz jedoch bald geboren werden würde. Aus Angst um seine Macht ließ er alle schwangeren Frauen des Landes verbrennen. Noch auf dem Scheiterhaufen wurde jedoch ein Kind geboren. Die Soldaten retteten es aus den Flammen und gaben es in ein Kloster. Durch die Verbrennungen konnte es allerdings nur kriechen, nicht laufen.
Etwas später hatte der König erneut einen Traum, in dem der zukünftige Prinz auf einem weißen Pferd in den Palast geritten kommen würde. Nicht nur er, sondern die gesamte Bevölkerung erwartete die Ankunft des neuen Prinzen. Auch der Junge, der aus den Flammen gerettet worden war, machte sich auf den Weg zum Palast, um das Spektakel zu sehen. Unterwegs bat ihn ein Brahmane, sein Pferd für ihn zu halten. Der Junge passte auf das Pferd auf und bemerkte, dass seine Beine plötzlich geheilt waren. Er stieg auf und das Pferd (welches natürlich weiß war), flog mit ihm zum Palast. Dort angekommen, warf der ehemalige Kuhhirte seinen Zauberstab nach dem Jungen, doch der Stab verfehlte ihn und verschwand und mit ihm auch der ehemalige Hirte. Der vom Scheiterhaufen gerettete Junge wurde der neue König und seine Stadt in Bat dambang umbenannt.

Die Stadt der halben Straßen vs. Die Stadt des Bambuszugs

Und hier sind wir jetzt also, in Battambang, der Stadt des verschwundenen Stocks. Man könnte sie auch die Stadt der halben Straßen nennen. Denn wo sonst gibt es Straße 1,5 oder 2,5?

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Man könnte sie auch die Stadt des Bambuszuges nennen. Denn nur hier kamen die Dorfbewohner auf die Idee, die Gleise der staatlichen Eisenbahn einfach zu ihren eigenen Zwecken zu nutzen. Immer, wenn gerade kein Zug fährt, laden sie selbst gebastelte Gefährte aus Metall und Bambus auf die Schienen, schmeißen den Motor an und rattern mit ihrem bamboo train über die holprigen Gleise ins Nachbardorf. Ein Problem gibt es nur, wenn jemand aus der anderen Richtung auf dieselbe Idee kommt. Aber auch das ist kein großes Problem. Es wird einfach schnell geguckt, wer weniger beladen ist. Der hat dann verloren, denn er muss sein Bambusgestell und die zwei Achsen von den Schienen heben, den anderen vorbeilassen und wieder alles montieren, bevor es weitergehen kann. Falls mal ein echter Zug unterwegs ist, könnte das Ganze schon brenzliger werden. Aber angeblich kennen die Leute erstens den Fahrplan und zweitens sind die Züge wohl laut genug, um rechtzeitig den bamboo train von den Schienen zu hieven. Naja, und vor allem fahren wahrscheinlich kaum noch Züge hier. Um es genau zu nehmen, wurde uns gesagt, dass die Schienen inzwischen einzig und allein für den Bambuszug benutzt werden. Und uns kam es vor, als ob das wiederum nur für die Touristen geschieht.

Überhaupt ist dieser ganze bamboo train uns eher wie eine große Abzocke vorgekommen. Statt nämlich mit irgendeiner Dorffamilie auf ihrem Wagen mitzufahren, wurden wir an der „Haltestelle“ von einem uniformierten „Schaffner“ begrüßt. Ein offizieller Schaffner? Das stand nicht in meinem Buch. Auch nicht, dass man eine „Fahrkarte“ lösen muss. Und dass die dann auch noch fünf Dollar pro Person kostet, kam mir ganz schön dreist vor. Alles war genau getaktet, kein bisschen Abenteuer mehr. Ankommen, zahlen, auf den Wagen aufsteigen, der schon bereit steht und sogar mit Kissen gepolstert ist, und los geht’s. Das einzig Abenteuerliche ist die hucklige Fahrt über die ausgeleierten Gleise, bei der das Knattern und Wackeln und Ruckeln so einen ohrenbetäubenden Lärm macht, dass man sich nicht mal unterhalten kann. Die Strecke ist leider nicht sonderlich aufregend. Sehr schnell verlässt man den Wald aus dunklen, grünen Bäumen, Bananenstauden und Bambus und fährt in die sengende Hitze hinein, vorbei an Dornenhecken, ein paar Palmen, ausgetrockneten Feldern und vereinzelten Buckelrindern.

Auf der Hinfahrt hatten wir das Glück (weil abenteuerlich) und Pech (weil extrem heiß), dass uns ein anderer bamboo train entgegen kam. Sehr schnell hatten unser Fahrer und der des anderen Wagens unser Gefährt auseinander montiert und an die Seite gestellt. Der andere Wagen fuhr los, wir blieben stehen. In der Ferne sahen wir einen anderen Zug herantuckeln. Auf ihm saßen natürlich Touristen, so wie auf allen weiteren Zügen, die diesem folgten. Während wir dem ersten Wagen noch freundlich hintergewunken hatten, verfinsterte sich unsere Miene mit jedem davon rollenden Zug, denn es war einfach nur verdammt heiß und die Dornensträucher boten nicht gerade viel Schatten. Unser Fahrer zeigte jedes Mal mit irgendeiner Geste an, wie viele Züge wohl noch kommen würden. Am Ende waren es fünf oder sechs und endlich, endlich half der letzte entgegenkommende Fahrer unserem Fahrer dabei, erst die beiden Achsen auf die Gleise zu heben und dann die schwere Plattform darauf zu legen. Nur noch die Kissen zurecht rücken und weiter ging es. Das Ziel (im Reiseführer beschrieben als: kleines Dorf. Sehenswert ist u.a. die Ziegelfabrik) war ein ziemlicher Reinfall: fünf ärmliche Häuser, eine verlassene Fabrik und ansonsten Leute, die im Schatten auf Kundschaft warten, um ihnen Freundschaftsbänder, Elefantenhosen, Batikhemden oder Kokosnüsse zu verkaufen. Natürlich steckten alle unter einer Decke, denn unser Fahrer war plötzlich weg und wir sahen uns somit gezwungen, im Schatten auf ihn zu warten. Und der einzige Schatten war natürlich ein Batikhemden-Elefantenhosen-Baumwollschal-Stand. Nur schwer konnten wir allem Werben wiederstehen. Nur diese eine Kokosnuss, die sah dann doch zu erfrischend aus. Nach eienr Stunde war unsere bamboo train – Tour dann auch beendet. Fazit: Leider hätten wir uns diese 10$ sparen können.

Die Stadt der Artisten  

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Am Abend hatten wir dafür mehr Glück. Wir hatten uns Tickets für den bekannten Zirkus gekauft. Er ist Teil von einem großen Ausbildungsprogramm für Kinder und Jugendliche aus armen Familien, die in bildender Kunst, Design und Performance-Künsten unterrichtet werden. Das Konzept klang sehr spannend und so ein bisschen Kultur könnte auch nicht schaden, dachten wir. Natürlich ging aber einiges schief, weil wir ja Leute in der Ausbildung sahen und keine professionellen Artisten. Teilweise war die Grenze zwischen bewusster Clownerie inklusive den damit verbundenen tollpatschigen Fehlern und den wirklichen Fehlern daher nicht so klar zu erkennen. Oftmals mussten die Artisten 2-3x zu einer Nummer ansetzen. Spannend war jedoch zu sehen, was für eine Kunst tatsächlich in einem Cirque de soleil oder Russischem/Chinesischem Staatszirkus steckt.  Nur der Jongliererin zuzusehen tat dann doch etwas weh. Dass sie fünf Bälle nicht in der Luft halten konnte, fanden wir noch ok. Als ihr dann auch vier und drei Bälle herunter fielen, dachten wir, dass das vielleicht eine andere Clownnummer werden würde, aber dafür guckte sie zu ernst. Als sie dann auch noch den letzten Ball durch die Manege warf, ohne ihn rechtzeitig aufzufangen, wären wir am liebsten selbst vor Scham in den Rängen versunken. Aber die Vorführung war für uns eine schöne Abwechslung zu allem, was wir bisher auf der Reise gesehen hatten.

Vor dem Zirkuszelt hatten wir auch die Gelegenheit, ein kleines Tänzchen zu wagen. Denn es war Montag. Und wie ihr ja wisst, ….
Hier unser erstes Selfie-Video:

 

 


Neben diesen zwei Höhepunkten machten wir in Battambang nicht viel Aufregendes. Wir ließen einfach die Seele baumeln und schlenderten durch die Straßen 1, 1 ½, 2, 2 ½  und 3 mit ihren hübschen Kolonialstilhäusern, sehr schicken Restaurants, Cafés und Galerien, schauten ein bisschen Fußball und nutzten die Ruhe, um unseren Monat in Kambodscha zu beschließen.


Rückblick auf Kambodscha

In diesen paar Wochen ist uns das Land irgendwie ans Herz gewachsen. Die Landesgeschichte und die Geschichten von Menschen aus dem Land haben uns mehr berührt, als es bei den anderen Ländern der Fall gewesen ist. Vielleicht liegt das daran, dass wir hier direkt zu Beginn diesen tiefen Einblick in die Geschichte des Landes bekommen haben und dann mehrere Wochen Zeit hatten, um mit diversen Büchern und Gesprächen noch tiefer in die Geschichte und das aktuelle politische Geschehen einzutauchen. Vielleicht aber auch daran, dass wir uns im Vorfeld sehr wenig über das Land informiert hatten und uns dadurch komplett gehen lassen konnten.

Auf einem T-Shirt hat Jonas folgenden Spruch gelesen: Kambodscha – Der Phönix von Asien. Kambodscha hat so viel an Krieg, Armut und Ausbeutung erlebt und steht doch immer wieder auf.
Erst die Franzosen in der Kolonialzeit, dann die USA, die auf der Suche nach Vietkong Kambodscha mit Bomben beworfen haben, anschließend der Bürgerkrieg und die Roten Khmer. Und jetzt eine Regierung, die die restlichen Rohstoffe zu Dumpingpreisen ins Ausland verkauft und den Erlös in die eigene Tasche steckt – und das Ganze unter dem Deckmantel einer Demokratie. Die Gegenstimmen zur CCP (Cambodian People’s Party) haben nicht genug Kraft, um gegen das dicht gestrickte Netzwerk des Präsidenten und seiner Mitstreiter vorzugehen; unliebsame Oppositionspolitiker, Bürgerrechtler oder sonstige „Aufmüpfige“ werden ins Gefängnis gebracht, ins Exil gezwungen oder direkt umgebracht, ohne dass die wirklich Schuldigen jemals gefunden und bestraft werden. Und auch der König hat nicht mehr viel zu melden und ist auf Dauerurlaub in China.

Trotz all dieser Missstände strahlen die Menschen hier eine Vergnügtheit und Gelassenheit aus, die kaum mit anderen Ländern zu vergleichen ist. Vielleicht ist es das, was uns so fasziniert hat.