09.05.: Reise in die Geisterstadt

Heute steht die zweite Reise in die Vergangenheit bevor. Und zwar eine Reise im doppelten Sinne: zeitlich und räumlich. Denn die VGU (Vietnamese German University), zu der wir fahren, liegt nicht mal mehr in Saigon, sondern in einer ganz anderen Provinz. Man steigt am Schildkrötenteich in einen der zwei uni-eigenen Busse und schaukelt sich anderthalb Stunden durch die Vororte aus der Stadt raus bis man irgendwann in der Pampa landet, die man wiederum eine Weile durchquert, bis irgendwann am Horizont ein paar einzelne Hochhausriesen auftauchen. Und dort steht er, der niegelnagelneue und super ausgestattete Campus der VGU. Die Stadt, die dort in the middle of nowhere aus dem Boden gestampft wurde, heißt Bình Dương Thành phố mới – wörtlich übersetzt Bình Dương, neue Stadt. Einer meiner Kollegen veränderte aber damals einfach eine der „Dekorationen“ um die Buchstaben herum und schon wurde aus der neuen Stadt eine Geisterstadt. Damals traf dieses Wortspiel durchaus den Kern, denn in den neugebauten Häusern- und Geschäftszeilen gab es lange Zeit nichts – keine Läden, wenig Menschen. Ich war gespannt, was sich in den zwei Jahren geändert haben würde.

Auf dem Campus angekommen, werden wir gleich von Henning und Jörg empfangen, die uns zum Mittag in die Kantine mitnehmen. Hier ist alles wie damals. Sogar die Smoothie-Frauen sind noch dieselben und sowohl Muter als auch Tochter flippen förmlich aus, als sie mich wiedersehen. Damals waren wir ziemlich dicke, weil Franca und ich dort jeden Tag mindestens zweimal Saft oder Kaffee gekauft haben und immer Zeit für ein kleines Schwätzchen oder Späßchen mit der Oma und ihrer Tochter hatten. Der Lieblingswitz der Oma: „Same same“ sagen und auf Franca und mich zeigen, obwohl wir nun wirklich nicht gleich aussehen. Aber laut der Oma tun es unsere Zähne und Nasen doch. Mit Jonas verstehen sie sich auch sofort super und auch ohne ein Wort Vietnamesisch wird viel gelacht.

Danach müssen alle arbeiten gehen. Außer wir. Mir wird bewusst, was für einen Luxus wir hier gerade leben. Während die anderen also unterrichten, vertreiben wir uns die Zeit im tiefgekühlten Lehrerzimmer und warten auf die Pausen, um mit den Deutschlehrern zu reden. Inzwischen ist das Kollegium beachtlich gewachsen und einige Leute, die ich noch als Studenten kennen gelernt habe, sind inzwischen Lehrer geworden. Nachdem wir vier Stunden nichts tuend gesehen haben, wie die Leute aus dem Unterricht in die Pause gehen und wieder zurück, bekomme ich doch fast ein bisschen Lust, mitzugehen und wieder mal was kurz zu unterrichten. Aber nur fast.

Und dann ist der lange Unterrichtstag vorbei und der beste Teil des Tages steht an: die Rückfahrt. Die Busfahrten zur VGU waren damals legendär. Anderthalb Stunden Fahrtzeit können langweilig oder stressig sein, in diesem Fall war es der unterhaltsamste Arbeitsweg, den ich je davor und danach gehabt habe. Zeitweise saßen wir damals zu zehnt im hinteren Busabteil und lachten anderthalb Stunden ohne Pause. Egal, wie früh am Morgen oder wie anstrengend der Tag gewesen war, nach diesen Busfahrten war alles wieder gut.
Seit ich weg bin, seien die Busfahrten effizienter geworden, sagt Jörg. Was heißt: sie arbeiten nur noch und erzählt und gelacht wird kaum mehr. Heute ändert sich das noch einmal. Zwar sind wir nur zu viert, doch die anderthalb Stunden vergehen wieder wie im Fluge.

Und ja: Heute ist zwar Montag. Montag ist zwar Tanzen. Eigentlich immer.
Aber nach einem langen Tag an der Uni überkommt mich doch ein wenig die bekannte Arbeitsmüdigkeit. Also ist ausnahmsweise mal Dienstag tanzen.