24.04.: Unwetterabenteuer

Heute lag Jonas flach. Meine Stadterkundung beschränkte sich also auf Wasser-, Reis- und Medikamentenkauf in Laufweite des Hotels. Da es mal wieder höllisch heiß war (schon am Vormittag 40°C – unglaublich!), war ich aber ohnehin nach jeder kleinen Tour schon wieder klimaanlagebedürftig.

Die paar Blocks nach links und rechts, die ich zurück legte, reichten aber auch, um einen kleinen Einblick in die Stadt und ihre Menschen zu bekommen. Ich war ja sehr langsam unterwegs und vor allem allein – zum ersten Mal seit drei Wochen. Dementsprechend oft wurde ich von allen möglichen Leuten angesprochen. Ich fand das ziemlich schön, weil es mich sehr an meine Reise vor 2 Jahren erinnerte, als ich nach ein paar Tagen an einem Ort auch immer schon diverse Mopedfahrer, Kellner, Verkäufer und Nachbarn zu meinem neuen Bekanntenkreis zählen konnte, die mich jedes Mal freudig begrüßten, wenn ich wieder vorbeikam. Hier waren wir ja bis jetzt immer zu zweit unterwegs gewesen und irgendwie stehe ich da als Frau eher im Hintergrund. Die meisten Leute auf der Straße begrüßen Jonas, finden seine neue Frisur oder seinen Bart toll, klatschen ihm in die Hände und dergleichen, aber mir werfen sie meistens nur einen kurzen Blick zu.

Heute war es zum ersten Mal anders. Ich wurde von diversen Mopedfahrern angesprochen, unterhielt mich ein bisschen mit einer Wasserverkäuferin, hatte einige Konversationen mit dem Angestellten in unserem Hotel und wurde von den Jungs der Eisdiele überredet, mir dort später ein Eis zu kaufen. Nylon Ice Cream ist übrigens Gold wert: die bekannteste Eisdiele der Stadt, direkt vor unserem Hotel. Es gibt dort Shakes, Desserts, Joghurt und sogar Pudding. Sehr gut, um sich von der Hitze zu erholen und sich mal etwas Gutes zu gönnen.

Wie auch schon vor zwei Jahren, so habe ich auch heute erfahren dürfen, wie fürsorglich und hilfsbereit die Leute sind, v.a. wenn man als Frau allein unterwegs ist. Natürlich kommen ab und zu auch ein paar flirtige Sprüche, aber es hält sich doch sehr in Grenzen und wirklich nervig wurde es nicht. Freundliche Blicke und nette Gesten überwiegen auf jeden Fall.

Gegen 18 Uhr brach ich nämlich auf, um mir etwas zum Abendessen zu suchen. Ich hatte mich den ganzen Nachmittag nicht weit vom Hotel wegbewegt, weil ich erstens Jonas nicht allein lassen wollte und zweitens dachte, es würde am Nachmittag wieder gewittern. Kurz vor 6 sah der Himmel aber blau aus und die wenigen Wolken harmlos. Ich ging los. Mein Ziel lag nur 3 Blocks entfernt. Beim ersten Block fielen die ersten dünnen Tropfen. Sie wurden sehr schnell dick und fett. Ein bisschen Regen kann nicht schaden, dachte ich mir und lief langsam weiter. Beim zweiten Block zog sich der Himmel schon merklich zu und es fing an, zu grummeln und zu donnern. Ich lief ein bisschen schneller, verlief mich dummerweise dabei, und irgendwann, als ich kurz vor dem Restaurant war, in das ich wollte, fing es auch noch an zu blitzen und zu hageln.

Hagel hatte ich noch nie in Asien gesehen – die Einheimischen scheinbar auch nicht. Wie Kinder beim ersten Schnee rannten sie mit Schüsseln aus den Häusern, um die Hagelkörner einzusammeln. Manche boten mir ihre eingesammelten Körner an. Was ich damit anfangen sollte, wusste ich nicht, bis ich sah, dass einige Leute sie sich direkt in den Mund schoben. Interessante Form der Abkühlung. Wahrscheinlich waren die Körner vom Aufprall auf den Boden auch nicht viel dreckiger geworden als sie es ohnehin sind, aber darauf hatte ich trotzdem keine Lust. Außerdem war es innerhalb der wenigen Minuten auch schon merklich abgekühlt und ich wollte noch schnell ins Restaurant kommen, bevor das große Gewitter losging. Keine Chance. Auf einmal war das Gewitter direkt über uns: schwarzer Himmel, peitschender Regen, Sturm, Blitze und Donner ganz nah. Ein paar indisch aussehende Frauen zogen mich von der Straße weg unter ihren Unterschlupf. Ich wartete kurz und wollte dann weiter, aber eine von ihnen bestand darauf, mich zu begleiten. Ich überlegte, dass ich das Angebot annehmen und mich doch direkt ins Hotel zurückbringen lassen sollte, denn inzwischen wurden auch die Einheimischen leicht panisch; die Mopeds fuhren schnell und hupend durch den Regen, Schirme und Unterstände flatterten im Wind und alle wuselten aufgeregt herum.

Die Frau nahm ihren Schirm, hakte mich unter und marschierte mit mir durch den Regensturm. Wir kamen nicht weit. Auf einmal hatten sich die harmlosen Hagelkörner nämlich in Tischtennisbälle verwandelt, die Blitze schlugen direkt links und rechts von uns ein und der Sturm war so stark, dass er sogar parkende Mopeds einfach umblies. Wir stellten uns unter. Neben uns ängstliche Leute, die sich hinter Metallwänden verbarrikadiert hatten. Einige Männer boten uns ihren Platz an und hielten, als der Hagel so groß wurde, dass es richtig weh tat, wenn er auf die Arme kam, den Schirm schützend vor uns. Selbst sie zitterten dabei – ob vor Kälte oder Angst, weiß ich nicht. Aber es war wirklich gruselig, v.a. weil kein Ende in Sicht war. Blätter und Äste auf der Straße, umgefallene Mopeds, Teile von Lampen und Fassaden, die lose an den Häuserwänden baumelten, ausgerissene Stromleitungen. Auch meine Begleiterin hatte richtig Angst. Sie krampfte sich in meinen Arm und versuchte, mich zu beruhigen – auf Burmesisch zwar, aber die Botschaft kam an. Irgendwie fühlte ich mich dadurch sehr gut aufgehoben.

Natürlich hörte auch dieses Gewitter zum Glück irgendwann auf. Es stürmte und regnete zwar noch wie verrückt, aber das Schlimmste schien vorbei. Die kleine Pause reichte aus, um zwei englischsprachige Männer ausfindig zu machen, die mein Hotel kannten, mich kurzerhand aufs Moped packten und durch die Wassermassen sicher nach Hause manövrierten. Meine Erleichterung war sehr groß und der Hunger, der mich eigentlich erst aus dem Hotel getrieben hatte, verflogen. Im Zimmer hatten wir unseren privaten Regenschauer erlebt: das Bad stand unter Wasser und auch ins Schlafzimmer hatte es ordentlich reingeregnet.
Lektion des Tages: Nicht dem burmesischen Wetter trauen. Aber vor allem: egal, was ist, es gibt immer jemanden, der einem hilft und der sich irgendwie für einen verantwortlich fühlt. Und das gilt hier wahrscheinlich noch mehr als bei uns.