03.07.: Walhaie in Oslob

Wir haben die Nacht per Homestay bei einer sehr netten Familie verbracht. Alles war mit wunderschönen Holzmöbeln bestückt und das Wohnzimmer voller alter Familienfotos. Aufstehen sollten wir verdammt früh -um 5.30 Uhr, um es genau zu nehmen. Warum so früh, haben wir uns gefragt. Keine Ahnung. Weil man das hier so macht, hat uns die nette Gastmutter ins Gesicht gegrinst. Aufgewacht sind wir allerdings noch früher, nämlich leider schon um 4 Uhr, weil der Bratengeruch von Schweinefett in unsere Nasen geweht ist. Lange konnten wir das nicht in unsere Träume einbauen; irgendwann wurde der Geruch einfach zu penetrant und das Kichern der Nachbarn ebenfalls. Es war noch stockduster, aber die Hähne haben sich wohl von dem lustigen Treiben anstecken lassen und fingen ebenfalls um 4 Uhr an, heiser zu krähen wie eine verrostete Gießkanne. Also stolperten auch wir in den Tag und kurz nach Sonnenaufgang zu den Walhaien.

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Stromausfall am Abend vor dem Event

Tatsächlich wurden uns die Augen geöffnet, als wir dann um 6.15 Uhr bei dieser Massenabfertigung standen. Eine super durchstrukturierte Massentourismusstelle hat uns empfangen. Man musste, wie hier wohl überall üblich, an mehreren Stationen vorbei.
Station 1: Name eintragen und einen Zettel bekommen
Station 2: Vortrag zum Verhalten mit und bei den Walhaien
Station 3: Zettel vorzeigen, bezahlen, neuen Zettel kriegen
Station 4: Zettel wieder abgeben und eine Nummer gesagt bekommen. Und dann auf den Aufruf dieser Nummer warten.

Wir hatten Boot Nummer „74“. Die fangen hier um 6.00 Uhr an und jedes Boot hat 30 Minuten Zeit mit den Walhaien. Es ist 7.00 Uhr. Wir hatten die Nummer 74. 74! Wie schaffen die das? Nach 45 Minuten warten wurden wir dann endlich aufgerufen. Die Bilder, die man vom Strand aus sehen konnte, erinnerten an aktuelle Nachrichtenthemen und Bilder. Das Wasser voll mit Booten. Das Wasser voll mit Menschen. Das Wasser voll mit Schwimmwesten.

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7.30 Uhr. Jeder bekommt Schnorchelwerk und Schwimmweste und dann geht’s aufs Boot. Die Walhaie werden hier an die Küste gefüttert, sodass wir keine 2 Minuten fahren müssen, um mitten im Getümmel zu sein. Vor uns Boote, hinter uns Boote, überall Boote. Wir gehen auch ins Wasser. Ich kann gerade noch die Taucherbrille aufsetzen, als hinter mir ein Walhai auftaucht. Bzw. sein Maul sich aus dem Wasser schiebt. Wenn man die Arme ganz ausbreitet, dann geht das Maul von einer Fingerspitze bis zur anderen. Und dieses riesen Tier kommt nun direkt auf mich zu. Direkt. Doch zum Glück werde ich von einem anderen Walhai abgelenkt, der gerade unter mir durchschwimmt. Aber es dauert halt, bis 9 Meter unter einem durchgeschwommen sind. 9 Meter – das sind 4 1/2 x Zollstock.

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Überall Walhaie. Insgesammt schwimmen vielleicht 4 oder 5 Tiere um uns herum. Bei manchen hängen lustige Pilotfische in Maulnähe und versuchen, möglichst viel von dem Krill abzustauben, den die Tierwärter unaufhaltsam ins Wasser schmeißen. Unter uns war 15 m Sicht auf den Meeresgrund und natürlich allerhand Begleitgetier, das ebenfalls Krill abstauben wollte. 1m große Barsche, ein riesen Schwarm silberner Fische mit extrem großen Mund usw.

Die meisten der Bootguides haben GoProCams, welche sich die Touristen geliehen haben, und fotografieren eben diese Touristen vor den Walhaien.
Es gab eine Situation,  bei der aus versehen 3 Menschen an 3 Punkten eines imaginären Vierecks schwammen. An der vierten Ecke kam auf einmal ein Walhai angeschwommen, mitten zwischen diese Menschen. Man konnte ihm quasi ansehen, dass er sich völlig überrumpelt fühlte und eigentlich gerne dort weg wollte. Aber nach vorne ging nicht, da war so ein großes Menschenwesen. Nach links und rechts offentlichtlich auch nicht, nach oben ging nicht und nach unten wollte er irgendwie auch nicht. Also hat er sich gaaaanz langsam nach links gewendet, wahrscheinlich, weil er dort den schnellsten Schwimmer vermutet hat. Richtig so, alle haben ihm natürlich Platz gemacht, aber es hat halt 2-3 Sekunden gedauert.
Oft konnte man auch koreanische oder japanische Touristen beobachten, die ganz aufgeregt versuchten, einen Walhai ins Visier ihrer Kamera zu bekommen. Während sie sich richtig für das Foto positionierten, bemerkten sie aber gar nicht, dass hinter ihnen gerade ein riesiges anderes Exemplar auf sie zuschwamm. Der Hinweis darauf löste einen sehr lustigen Schreck-Moment in ihren Augen aus.
Noch besser war jedoch ein anderer Typ, der runtergetaucht war. Als er nach oben schoss, prallte er mit seinem Kopf direkt gegen die Brustflosse eines Walhais. Nicht nur, dass er sich gehörig erschrak, dass ihm da auf einmal was im Weg war – es muss auch unglaublich hart gewesen sein.

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Nach 30 Minuten war das Spektakel vorbei und wir sind wieder an Land gefahren worden. Noch voller Adrenalin sind wir zurück zu unserem Homestay und haben dort Frühstück bekommen. Es war 9.30 Uhr und wir haben heute gefühlt schon genug für einen Tag erlebt. Aber es war ja erst 9.30 Uhr. Eigentlich Zeit, einen Tag zu beginnen. Also sind wir an die Straße gegangen, haben einen Bus angehalten und sind nach Moalboal gefahren. Dort sollten wir unseren Couchsurfer Lorenzo treffen.

 

02.07.: Ab nach Oslob zu den Walhaien

Nach 3 Nächten sind wir dann wieder aufgebrochen. Es sollte zu den WaHlhaien nach Oslob gehen. Die Überfahrt lud dazu ein, die Gedanken schweifen zu lassen. Schließlich wussten wir inzwischen, was eine derartige Streckenbewältigung an Zeit bedeutet. Also sind wir mit einem Tricycle vom JJs in San Juan zum Hafen Siquijor, mit dem Schiff nach Dumaguete, mit dem Tricycle nach Sibulan, mit dem Schiff nach Liloan und mit dem Bus nach Oslob gefahren.

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Was ist so faszinierend am Meer? Das Meer als gesamte Weite? Oder mehr die Wellen, die unaufhörlich rauschen? Ein vermeintlicher Rhythmus, der überhaupt nicht rhythmisch ist. Jede einzelne Welle an sich ist überhaupt nicht klar abgegrenzt und kommt und geht, ohne, dass man sie aufhalten könnte. Jede Welle ist einzigartig, individuell. Dabei hört man doch, während man auf das Wasser guckt, dieses monotone Rauschen, was überhaupt nicht monoton ist, da sich ständig eine Extrawelle dazwischen schiebt oder manche mal lauter oder mal leiser sind.

Da stehe ich nun also rum. Dort an der Reling auf dem Schiff und strahle mit der Sonne um die Wette, schaue aufs Meer und versuche etwas zu fixieren. Aber was?
Versuche ich den Horizont zu fixieren?
Man solle den  Horizont erweitern heißt es. Erweitern? Diese klare Linie dort hinten? Ohne Anfang und Ende? Soll man den breiter machen?
Oder soll man, wie laut Lindenberg, mal hinter den Horizont gucken? Dahinter?
Wenn man den Horizont betrachtet, guckt man doch eigentlich über die Welt hinweg.
Horizont bleibt Horizont, der ist immer weit weg. Immer unerreichbar. Nie der gleiche und doch immer derselbe.

Versuche ich auf die Wellen zu gucken? Auf welche denn? Es gibt hunderte und jede einzelne ist für sich wunderschön.

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Oder versuche ich, einen Gedanken zu fixieren? Aber auf welchen soll man sich konzentrieren, auch hier gibt es wellengleich hunderte, die alle wunderschön sind. Manchmal durchbrechen fliegende Fische den Gedankenstrom, während sie fliegend vor unserem Schiff über die Wellen fliehen. Vielleicht muss man diese Gedanken ebenfalls als großes Ganzes begreifen, die sich irgendwann zu einem kompletten Meer ergeben, in dem ich aufgehen kann. Angenommen, ein Gedanke ist eine Welle. Eine Welle, die nicht scharf abgegrenzt werden kann, weil sie sich ständig bewegt, verändert, sich mit anderen Wellen vermischt, sich bricht und doch irgendwann am Strand ankommt und sich wieder zurückzieht. Vielleicht ist es ja unmöglich, diesen einen Gedanken zu fassen und zu bewahren. Am ehesten kann man ihm eine Weile zuschauen, wie er sich verändert, sich dann aber doch am Strand bricht und verendet, um einem neuen Gedanken Platz zu machen. Eine Welle/ein Gedanke, die/der aus vielen, vielen einzelnen Wassertropfen/Erinnerungsstücken besteht und doch erst zusammen mit allen anderen Wellen/Gedanken ein großes Ganzes ergibt.
Welle ist nicht gleich Welle und trotzdem so gleich.