04. – 06.06.: Phnom Penh Nightlife

Am Samstag hieß es Abschied nehmen vom hübschen Kampot und vom Süden, um uns allmählich Richtung Siem Reap und den Tempeln von Angkor vorzuarbeiten. Doch nicht, ohne nochmal einen Zwischenstopp in Phnom Penh bei Tini und Gérald einzulegen. Hatten wir Phnom Penh bei unserem letzten Besuch vor allem kulturell und historisch wahrgenommen, so lernten wir diesmal vor allem das Nachtleben der Stadt kennen.

Los ging es bei einer Hausparty von Freunden von Tini und Gérald. Witzigerweise waren fast alle Gäste ausnahmslos Deutsche oder Franzosen und so fielen wir gar nicht so auf. Jonas traf sogar auf eine Bekannte aus „Pfadfinderkreisen“, die zufälligerweise die Mitbewohnerin der Gastgeberin war. Die Welt ist klein.
Die nächste Station war eine Reggaebar, in der allerdings alles andere als Reggae gespielt wurde. Aber wir tanzten trotzdem bis zum Morgengrauen und noch darüber hinaus. Fast hätten wir auch noch den Sonnenaufgang zu Gesicht bekommen, hätte nicht ein Hochhaus im Weg gestanden.

 

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Auf einmal war es Morgen und ein verschlafener Ausruhtag erwartete uns, an dem wir gemütlich am Fluss entlang schlenderten, Fruchtshake tranken, italienisches Essen genossen und die Sonntagsatmosphäre vor dem Royal Palace aufsaugten: Zuckerwatteverkäufer, Kinder in rosa Plüschkleidern und Quitscheschuhen, Frauen in leuchtend bunten Klamotten, die Tabletts voller Lotussamen und anderer Köstlichkeiten auf dem Kopf balancieren. Dazwischen Männer, die versuchen, alle möglichen Plastikspielzeuge zu verkaufen; und dahinter selig von seinem Thron lächelnd König Sihamoni, eingerahmt von Gold und Glühlampen.

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Wir beschlossen den Abend bei einem leckeren, selbst gekochten Abendessen und guten Gesprächen, bis uns irgendwann der fehlende Schlaf übermannte.

23.05.: Kitschtanz

Heute haben wir uns was Besonderes zum Montagstanzen ausgedacht. Wir haben in Tinis Wohnzimmer getanzt. Im Hintergrund läuft der Khmerpopschnulzensender. Wir haben zwar schon einen Artikel zum heutigen Datum geschrieben, aber das lässt sich nicht mit diesem ausgelassenen Tanzvideo vereinen.

Heute ist Montag. Montag ist Tanzen. Immer.

23.05.: Ein trauriges Kapitel der Landesgeschichte

Wir haben uns an diesem Tag Zeit genommen, uns ein wenig mit der kürzlichst vergangenen Landesgeschichte auseinanderzusetzen. Da war diese Kommunistengang „Rote Khmer“ oder „Khmer rouge“, die sich überlegt haben, einen kommunistischen Bauernstaat zu schaffen. Es sollten alle Bauern werden. Und die Intellektuellen wurden umgebracht. So einfach ist das. Gemäß einem Leitspruch „Wenn man Unkraut jäten will, muss man es an der Wurzel entfernen“, hat die Organisation nicht nur die Intellektuellen umgebracht, sondern gleich deren ganze Familie.
Eine weitere Leitparole war:
„Lieber versehentlich einen Unschuldigen töten, als versehentlich einen Feind am leben lassen“.
So starben in deren Regentschaft von 1975-1978 zwischen 1,4 – 3,0 Millionen Menschen; sie wurden getötet, sind verhungert oder an Erschöpfung gestorben. Die ungenauen Angaben rühren daher, dass noch nicht alle Killing fields gefunden und exhumiert sind oder daher, dass einige die Hungertoten mit den tatsächlich Getöteten zusammenzählen wurden oder halt nicht.
Wenn man mal von ca. 3 Jahren Rote Khmer und 3,0 Millionen Toten ausgeht, heißt das, dass pro Jahr 1 Million Menschen gestorben sind. Das heißt, pro Tag sind ca. 2739 Menschen gestorben. Pro Tag! Völlig verrückt. Neben dieser Schweinerei, überhaupt Menschen zu töten, steht da natürlich auch ein riesengroßer logistischer Aufwand. Die mussten ja alle von A nach B gekarrt werden, dann getötet und dann noch verbuddelt. Verrückt.

Die Khmer Rouge unter dem Anführer Pol Pot hat sich doch tatsächlich überlegt, die komplette geistige Elite des Landes zu eliminieren. Was für ein dummer Gedanke. Dabei sind natürlich tausende Menschen unter anderem aufgrund medizinischer Missstände auf dem Weg geblieben, weil Ärzte zu den zuerst ermordeten zählten. Bücher wurden verbrannt, Geld wurde abgeschafft. Händler, Lehrer, Mönche und beinahe die gesamte geistige Elite fielen der Massensäuberung zum Opfer. Die Menschen, die übrig geblieben sind, konnten teilweise nicht mal rechnen oder schreiben. Wer aus Versehen zu gut denken konnte, wurde ermordet. Ja, aber mit welchem Ziel denn? Des weiteren wurden alle Menschen in ganz Kambodscha aus den Großstädten vertreibt und quer durch das Land umgesiedelt; und wenn‘s dann noch nicht passt, werden die Menschen halt gleich noch mal umgesiedelt, nur, damit sein Agrarkommunismus gelingt.

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Zu diesem Thema haben wir uns zwei Locations angesehen. Das eine waren die Killing Fields nahe Phnom Penh. Dort wurden Menschen in Scharen hintransportiert, um getötet zu werden. Gas oder Pistolenkugeln waren zu teuer, deswegen wurden Schlagwerkzeuge aller Art (Schaufel, Beil, Metallrohr, Stock,…) als Waffe benutzt, um den Menschen die Schädel einzuschlagen. Anschließend wurde mit einem sehr scharfkantigen Blatt der Zuckerpalme deren Kehle durchgeschnitten, um sicherzugehen, dass sie tot sind. Kleinkinder wurden der einfachheitshalber mit dem Kopf gegen einen Baum geschlagen. Diese ganzen Informationen konnten wir durch eine sehr gute Audio-Tour bekommen. Gespickt mit Musikeinspielungen und Berichten von Überlebenden wurde dort ein Rundweg bereitet, bei dem man seine Gedanken schweifen lassen und das Gehörte verarbeiten konnte. An den Gräbern und an dem Killing tree haben Menschen (wahrscheinlich viele Traveller) Freundschaftsbändchen an den Baum oder an den Zaun gebunden. Was für eine schöne Geste.

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Längst sind noch nicht alle Gräber vollständig exhumiert.

 

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In der großen Pagode werden Schädel und andere große Knochen aufbewahrt. Sie sind nach Alter der Ermordeten sortiert und katalogisiert.

 

Viel verstörender war das S21, früher eine Schule, dann ein Gefängnis, heute das Genozidmuseum. Dort wurden Menschen aller Art (erst vermeintliche Gegner der Organisation, später auch Genossen, die sich verdächtig benommen haben) gefangen gehalten und so lange gefoltert, bis sie gestanden haben, dass sie etwas Böses getan haben. Das Blöde ist nur, dass die Gefangenen teilweise überhaupt nichts getan hatten. Sie wurden trotzdem so lange gefoltert, bis sie gestanden haben. Ein bisschen so wie bei einer Hexenverbrennung. Wenn sie dann gestanden hatten, wurden sie getötet – diesmal aus gutem Grund, sie hatten ja schließlich ein Verbrechen gestanden, welches in den Akten vermerkt werden konnte.
Wenn jemand zu schwach zum Gestehen war, wurde er wieder aufgepäppelt, damit er gestehen konnte, um getötet zu werden. Dafür wurde ein Arzt gerufen. Einen Arzt? Die haben doch alle Intellektuellen umgebracht?! – Diese „Ärzte“ haben eine 3-monatige Grundausbildung bekommen, in der sie gelernt haben, Spritzen in Kissen zu stecken. Diese Aufpäppelungsspritzen bestanden aus Essig, Mehl und noch irgendwas. Und damit wurden sie auf die Gefangenen losgelassen. Und hier beißt sich die Kuh in den Schwanz.
1. Warum päppelt man Leute auf, um sie danach zu töten?
2. Warum bringt man die Ärzte um, um danach neue auszubilden?
3. Warum überhaupt?

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In diesem alten Schulgebäude wurden die Klassenzimmer etwas umstrukturiert. Es wurden hölzerne oder steinerne Wände zu Einzelzellen gezogen. Es wurden Haken in den Boden eingelassen, um dort Menschen anzuketten und die durchlaufenden Balkone vor den Klassenzimmern wurden mit Stacheldraht versehen, weil sich irgendwann mal jemand aus dem dritten Stock in den Tod gestürzt hatet. So weit käme das noch. Selbstmord wurde nicht geduldet. Erst musste ein Verbrechen gestanden werden, damit man sterben durfte.
Nur die Spielgeräte im Innenhof zeugen noch von dem ehemaligen Pausenspaß. Weswegen auch immer haben die Roten Khmer diese stehen lassen.

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In der einen Ecke sitzt ein alter grauhaariger Mann. Es ist Chum Mey, ein Überlebender. Er verkauft Bücher mit seiner Lebensgeschichte, die in 6 Sprachen übersetzt worden ist. Neben diesen hunderten Fotos mit Gesichtern der Menschen, die in dieses Gefängnis gekommen sind, ist dieser lebende Mensch tatsächlich eine emotioinale Herausforderung. Da sitzt er nun, der Zeitzeuge, und strahlt glücklich, dass er mit den Besuchern aus aller Welt ein Stück Geschichte teilen kann. Und da stehen all diese Besucher mit den Audiotourkopfhörern auf den Ohren und hören sich in ihrer Landessprache seine Zeitzeugengeschichte an. Die Besucher gucken betroffen durch die Gegend, er strahlt. Verkehrte Welt. Danke alter Mann. Danke, dass du deine Geschichte mit uns geteilt hast.

Irgendwie will mir diese ganze Klassenkampfgeschichte nicht einleuchten. Irgendwie habe ich da noch keine erkennbare Ideologie gefunden. Keinen Sinn.

Das Brisante ist, dass Pol Pot als Bestrafung Hausarrest bekommen hat und bis zu seinem natürlichen Tod irgendwo im Wald mit seinen Kindern und Enkelkindern gelebt hat. Andere Khmer Rouge aus der Führungsebene haben erst weit in den 2000ern einen Prozess bekommen. Das sind mehr als 30 Jahre später. Für mich unverständlich.

22.05.: Royal Palace mit ohne Silberpagode

Es geht zum Königshaus. Wenn wir schon mal in einem Königreich sind, dann kann man sich auch gleich sein Wohnhaus angucken. Tatsächlich habe ich mir auch mal überlegt, etwas Ähnliches für mich zu bauen. Ein nettes kleines Empfangszimmerchen mit goldenen Thron und langem roten Teppich, ein bisschen goldene Dachschindeln mal hier und mal da und den Familienschmuck (Zepter und Krone) in einem eigenen kleinen Häuschen auf dem Platz hinter dem Empfangstor, falls mal jemand vorbei kommt. Drumherum ein paar rasierte Bäume… So ließe sich das Leben leben.

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Nebenan, quasi auf dem Nachbargrundstück, hat sich die Königsfamilie seit Generationen begraben lassen. Für die verstorbenen Könige, deren Ehepartner und teilweise auch für Kinder, die nicht König geworden sind, wurden hier Denkmäler und Stupas geschaffen. Ein weiteres Highlight soll laut Reiseführer die Silberpagode sein. Die wurde zwar mit handgeschriebenen Schilder und Pfeilen ins Irgendwo ausgeschildert, gefunden haben wir sie jedoch nicht. Erst bei anschließenden Recherchen haben wir festgestellt, dass es sich bei der Wat Praeh Keo Morokat um eben diese Silberpagode handeln soll. Angeblich, weil der ganze Boden voller silberner Kacheln sei. Das konnten wir jedoch nicht überprüfen, weil alles mit Teppichen ausgelegt war.

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Nach einer kurzen Pause haben wir am Nachmittag noch das Nationalmuseum besucht. Die haben praktischerweise alle Exponate nach Material sortiert. Schade nur, dass sonst kaum was beschrieben ist und dass es kreuz und quer durch die Jahrhunderte sortiert ist. In den Ecken des Rundgangs ist jeweils eine völlig aus dem Zusammenhang gerissene Sonderausstellung. So stehen beispielsweise hinduistische Steinskulpturen neben einem ErsteweltkriegU-Bootdokumentationsfernseher.

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Zu beachten ist hier das charmante Hinweisschild: „No sitting“ 😛

Abends gab es nach einer entspannenden Massage bei einem fast-Gewitter-Himmel-Sonnenuntergang amüsante Cocktailkreationen inklusive Fotosession.

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20.05.: Flug nach und Ankunft in Kambodscha

Früh morgens haben wir uns mit einem langen Frühstück von Lola verabschiedet. Anschließend haben wir im Flight Emirates Büro im 14. Stock (keine Fenster, aber bestimmt schöne Aussicht) unseren Flug umgebucht. Eigentlich sollten wir am 30.06. zurückkommen, jetzt wird es wohl der 27. Juli. Nach einem kleinen Tee in einer dieser neumodernen Bars – viel zu viel Plastik und lustige Dekoration – sind wir dann zum Flughafen aufgebrochen. Wir saßen mit vielleicht noch 40 anderen Gästen in einer Maschine, die 10 Sitze nebeneinander und gefühlt 25 Sitzreihen hatte. Es war also ziemlich leer. Eventuell wollten die nur den Flieger überführen. Irgendwie komisch. Wir mussten leider diesen Flug buchen, um überhaupt das Touristenvisum in Vietnam zu bekommen. Ärgerlich, wir wären gerne mit dem Bus ausgereist.

Aufgrund der beginnenden Regenzeit mussten wir uns mit dem Flieger durch prä-Gewitterwolkentürme durchfressen, was zu meinem großen Vergnügen relativ holperig war und uns das ein oder andere Mal ein wenig vom Sitz gehoben hat. Nach den allgemeinen Sicherheitshinweisen kamen dann noch die Werbung und dass wir jetzt in der Luft Wifi hätten und was wir nicht alles einkaufen könnten. Nach ca. 5 Minuten Reisehöhe haben wir auch direkt mit dem Sinkflug begonnen und die Fliegerei war nach insgesamt 45 Minuten vorbei. Durch die ganze Ansagerei vom Piloten und der Werbefrau im Bildschirm hat Anne es in ihrem vom Buch von Seite 154 auf Seite 157 geschafft.

In Phnom Penh angekommen haben wir uns mit einem Tuktuk durch den Großstadtverkehr gearbeitet. Zum Glück ist es hier etwas leerer als in Saigon. Auch die Hupen werden hier nicht ganz so oft eingesetzt, wobei auch die Khmer eine Hupe besitzen und diese natürlich auch einsetzen. Nur halt nicht ganz so häufig.

Zum Abendessen hat uns Tini mit Pasta mit Tomatensoße verwöhnt. Einfach so. Pasta mit Tomatensoße. Ganz gewöhnliches „deutsches“ Essen. Aber gut. Mit Salz statt Fischsoße. Mit Käse drüber. Herrlich.