06.05.2016: Rückblick auf einen Monat in Myanma

Letzter Morgen in Yangon, letzter Tag in Myanmar. 28 Tage sind einerseits so schnell vergangen, dass wir nur einen Bruchteil von dem gesehen haben, was Myanmar zu bieten hat. Andererseits reicht es jetzt und es ist an der Zeit, weiterzuziehen. Die letzten drei Tage waren wir schon so reisemüde, dass wir die Hälfte des Tages im Hotel verbrachten. Die Lust, noch eine Pagode oder irgendein Kolonialhaus zu sehen, wurde zunehmend kleiner. Und gegessen haben wir auch nur noch, um satt zu werden. Ein neues Land und ein frischer Wind wird uns jetzt gut tun.

Nur 6 Jahre sind nach Beginn der allmählichen Öffnung des Landes vergangen und schon hat sich hier so viel verändert. Wir sind mitten in den Umbruch geschlittert, und dieses Gefühl der Veränderung, des Unsteten, hat sich durch den gesamten Urlaub gezogen. Alle Reiseberichte aus dem Fernsehen oder von Freunden, die 2013 und 2014 hier waren, haben schon fast gar nichts mehr mit dem zu tun, was wir hier vorgefunden haben. Und selbst der neueste Reiseführer, den wir kriegen konnten, ist seit seiner Veröffentlichung 2015 in vielen Teilen überholt. Wie immer, wenn man mit bestimmten Vorstellungen an etwas herangeht, kann man enttäuscht werden, und teilweise ist mir das hier so gegangen. Vieles, was ich mir erhofft hatte, gab es nicht mehr. Bilder von autoleeren Straßen, auf denen nur rostige Rikschas oder Pferdekutschen fahren, Landstraßen, auf denen sich Ochsenkarren langsam durch den Staub bewegen, Alleen voll blümender Bäume und dergleichen – wenn wir denn einmal einen Blick auf etwas davon erhaschten, war es nur ein kurzer Moment, der zeigte, dass es sich nicht lohnt, danach zu suchen. Das Land hat sich verändert und wird sich noch viel weiter verändern. Vorwärts, weiter und das alles bitte schnell. Wir sollten also dankbar sein, dass wir es immerhin noch jetzt erlebt haben.

Am besten veranschaulicht wird der Wandel meiner Meinung nach beim Geld. Gestern haben wir zum ersten Mal 10.000-Kyat-Scheine bekommen, der höchste Wert bei Scheinen – umgerechnet 7,30€. Die sind ganz frisch in Druck gegeben wurden, woraus man schließen kann, dass  bisher niemand so hohe Scheine gebraucht hat. Ob das an einer möglichen Inflation liegt oder daran, dass es inzwischen einfach mehr gibt, wofür man Geld – viel Geld – ausgeben kann / will / muss, ist die Frage. Sicherlich ist es aber so, dass, wenn es ein geringes Angebot gibt, die Lust der Leute gering ist, etwas zu kaufen. Und seit einigen Jahren ist plötzlich mehr und mehr möglich. Es gibt mehr, also wollen alle mehr, also muss mehr Geld her. Mit lumpigen 5000-Kyat-Scheinen lässt sich eben nicht mehr alles bezahlen, was so ins Land gespült wird. Und praktischerweise werden die Geldautomaten ja gleich mitgeliefert, aus denen man seine frisch gedruckten 10.000-Kyat-Scheine ziehen kann.

Es ist ja logisch: Wenn es erstmal etwas gibt, dann wollen alle etwas davon haben. Und wenn man etwas davon hat, dann will man mehr. Irgendwann wird der Durst nach mehr aber unstillbar sein. Und dieser Gedanke kann sehr erschrecken. Waren die Straßen selbst in den großen Städten noch vor 2 Jahren abends fast komplett düster, weil es keine Beleuchtung gab, so blinken jetzt fast überall Neonlichter durch die Nacht. Jedes bessere Café und Hotel hat eine Klimaanlage, jedes bessere Auto auch. Bald werden da alle mitziehen wollen, auch die Privathaushalte. Doch selbst jetzt kommt es ständig zu Stromausfällen. 3-4 Mal am Tag seien normal, so ein Hotelangestellter. Kaum fällt der Strom aus, springen vor den Hotels und besseren Lokalen die Generatoren an. Nur in den einfachen Läden wartet man schwitzend ab, bis der Strom wieder da ist. Aber bald werden sich alle an die kühlen Temperaturen gewöhnt haben und werden nicht mehr auf die ununterbrochene Kühlung verzichten wollen – woher soll aber der Strom kommen? Irgendwann werden die Generatoren nicht mehr ausreichen. Und auch die Staudämme, die inzwischen gebaut werden, werden dann nicht mehr genug Strom für alle(s) liefern können.

Heute am Flughafen haben wir eine andere, ganz einfache Feststellung machen können. Das Flughafengebäude sieht von außen extrem modern aus, fast wie in Bangkok. In der Eingangshalle herrschte ein Gewusel wie auf einem Ameisenhaufen. Um dem auszuweichen, sind wir direkt in die Abflughalle gegangen, um uns dort in Ruhe hinsetzen zu können. Sitze: Fehlanzeige. Café: Fehlanzeige. Eine Etage weiter oben in diesem großzügig geschnittenen Gebäude war schon das Immigration office. Leere Flure, sonst nichts. Nirgendwo in dem gesamten Terminal gab es auch nur ansatzweise die Möglichkeit, sich etwas zu essen oder zu trinken zu besorgen – nicht mal eine Flasche Wasser! Wir mussten wieder aus dem Sicherheitsbereich raus und fanden dann im Nachbarterminal den dezenten Hinweis „Café“. Und das war weder über- noch untertrieben, denn es gab genau EIN Café. Das aber immerhin mit Säften (zwei der acht ausgeschriebenen Obstsorten vorrätig!) und diversen Kaffees und sogar Waffeln. Nach einigem Suchen fanden wir allerdings noch ein klitzekleines Lokal mit Fastfood vom Feinsten: aufgeblasene Burger mit Mayonaise, Hotdog im Milchbrötchen und buntes Eis. Nur dieses Fastfoodlokal hatte 5 Tische. Die wenigen Stühle waren aber nicht voll besetzt, was zeigt: die Nachfrage nach Essen scheint nicht sehr groß zu sein. Wahrscheinlich gab es bis vor Kurzem einfach gar nichts am Flughafen zu essen. Man kennt es also wahrscheinlich nicht, sich am Flughafen aufzuhalten und vor dem Abflug in ein Café zu gehen, oder aber es ist so teuer, dass man es ohnehin nicht tun würde. Und für die wenigen Leute, die das Geld haben, sich vor dem Abflug noch was zu essen zu kaufen, gibt es dann genau das, was die neue Welt verkörpert: Burger und Hotdog. Schmecken tut das bestimmt keinem, aber verkaufen tut es sich scheinbar trotzdem, einfach, weil es sich neu anfühlt. Oder mal anders als fried rice schmeckt.

Und man kann es niemandem verübeln, Teil von der Verwestlichung und dem vermeintlichen Fortschritt sein zu wollen. In vielen Bereichen hat sich ja auch durchaus Positives getan. Davon, dass die Straßen inzwischen auch von Autos und Bussen befahren werden, profitieren ja schließlich auch wir. Mit Ochsenkarren wären wir sicher nicht zu all den Zielen gekommen, die wir gesehen haben. Und als wir einmal nicht 10 Stunden in einem unklimatisierten Bus über eine Holperpiste fahren mussten, waren wir auch sehr erfreut darüber. Die Neuerungen bringen also natürlich viele Vorteile, für die Einheimischen und für die Touristen auch. Wahrscheinlich ist es da egoistisch, sich über fehlende Stimmungen oder Bilder zu ärgern.
Aber es ist ja nicht nur das. Viele Nachteile der Neuerungen wurden uns schon jetzt ersichtlich, und das, obwohl wir nur einen Monat hier waren. Am auffälligsten ist das Müllproblem. So viel Plastik in Kanälen, Gräben und selbst in unmittelbarer Nähe der Tempel habe ich noch nie gesehen. Jede noch so schöne Ecke wird dadurch unmittelbar entstellt. Plastik, Müll und Gestank sind leider allgegenwärtig. Das Bewusstsein dafür gibt es offensichtlich noch nicht. Als noch alles aus Naturprodukten bestand, konnte man ja auch einfach alles an den Straßenrand oder in den Fluss werfen. Nur fuktioniert das jetzt nicht mehr. Weggeschmissen wird trotzdem noch alles. Wohin denn auch, wenn es in den meisten Orten keine Mülleimer, weil noch kein Entsorgungssystem, gibt. Hier hat die Regierung in der nächsten Zeit sehr viel Arbeit zu leisten, v.a. um die Bevölkerung über die Konsequenz der ganzen Vermüllung aufzuklären.

Traurig macht mich auch, wenn ich an die Veränderung in den Menschen denke. Noch sind „die Burmesen“, so wie wir sie erlebt haben, sehr freundlich, ausgeglichen, höflich und natürlich neugierig. Wir hatten fast nie das Gefühl, als wandelnde Geldquelle gesehen zu werden. Auch nicht als Touristen, sondern eher als Besucher des Landes. Und war ersteres der seltene Fall (z.B. an den Tempeln in Bagan), stieß es uns sehr negativ auf. Wir hatten fast nie das Gefühl, einen erhöhten Preis gesagt zu bekommen. Selbst handeln war nicht möglich bzw. auch gar nicht nötig, weil der erst genannte Preis schon wirklich fair klang.

Was wird daraus werden?
Können sich die Leute die entspannte, unaufdringliche Art bewahren?
Oder wird auch hier der Wunsch nach mehr so stark werden, dass sie feilschen, was das Zeug hält, um aus jedem Touristen möglichst viel Kapital herauszupressen?